Geschichte im Vest

Was ist ein Klumpendoktor?

Am 30.01.2011 habe ich die Frage an Onkel Max von der Recklinghäuser Zeitung gestellt:

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Hallo Onkel Max,
seit über einem Jahr recherchiere ich für meinen neuen Roman über den letzten Hexenprozess im Vest Recklinghausen.
In den Prozessakten wird ein gewisser "Klumpendoktor" aus dem Märkischen erwähnt.
Was machte ein Klumpendoktor?
Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen.

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Die Antwort:
Der Prozess um „Hexenänneken“ aus Westerholt endete mit der Hinrichtung der Anna Spiekermann am 31.7.1706. Es ist eine Reihe von Experten zusammengekommen, lieber Thomas, die bei meinen Recherchen inzwischen befragt wurden, jedoch ist der Begriff „Klumpendoktor“ nicht zu belegen. Es liegt die Vermutung nahe, dass es sich um einen Lokalbegriff handelt oder um einen Transkriptionsfehler, der sich beim Studium der Originalakte eingeschlichen hat, denn die Schrift des 17./18. Jahrhunderts ist bekanntlich schwierig zu lesen. Die Gerichtsakten befinden sich im Graf Westerholt'schen Archiv im Archiv Recklinghausen.
Ein „Klumpendoktor“ ist sowohl Dr. Stefan Schulz, Institut für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin der Ruhr-Universität Bochum, wie auch Dr. Friedel Helga Roolfs, Kommission für Mundart- und Namenforschung Westfalens, unbekannt. Dr. Roolfs: „Im Archiv des Westfälischen Wörterbuchs ist der Ausdruck „Klumpendoktor“ nicht belegt. Auch das Deutsche Wörterbuch (= Grimmsches Wörterbuch) kennt das Wort nicht. Die Suche in Ortswörterbüchern erbrachte ebenfalls keinen Beleg.“
Auch Dr. Christiane Todrowski, Leiterin des Kreisarchivs und der Landeskundlichen Bibliothek Märkischer Kreis, ist der „Klumpendoktor“ trotz intensiver Beschäftigung mit dem Thema Hexenprozesse noch nie untergekommen. Sie befragte Prof. Jürgen Udolph, ein deutschlandweit anerkannter Onomastiker (Namensherkunftsforscher), der auch passen musste. Peter Bürger vom Christine-Koch-Mundarchiv bestätigt aber Dr. Todrowskis These, dass es sich möglicherweise weniger um einen Arzt handelt, der zu Klumpen gehauene Gliedmaßen zusammenfügt, als vielmehr um einen Apotheker oder Drogisten. Dr. Todrowski: „Klümpkes, also kleine Klumpen, sind bei uns Bonbons, und lassen an Pillen, Pastillen etc. denken. Apotheker haben seinerzeit bisweilen auch Menschen „ärztlich“ behandelt, zumal wenn der nächste Landphysikus weit entfernt (und teuer!) war.“

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Nach weiterer Recherche auf dem platten Land war die Sache klarer. Nachdem ich ältere Leute aus dem Vest befragte, war klar, dass der Klumpendoktor ein Arzt war, der mit seinen Klumpen (westfälisch für Holzschuhe) die Bauernhöfe aufsuchte, um seine Patienten zu behandeln. Das leuchtet ein. Es gab kaum befestigte Straßen. Ein studierter Medicus oder Physikus war für die Bauern erstens unbezahlbar und zweitens ließen die Doktoren ihre Patienten wahrscheinlich in die Stadt kommen. Sie hätten bestimmt nicht, und erst recht nicht für Bauern, ihre wertvollen Schuhe mit Schlamm besudelt. Ob der Klumpendoktor studiert hatte? In den Akten wird er auf jeden Fall als Doktor bezeichnet. Vielleicht hatte sich hin und wieder ein Arzt erbarmt, auch für die Landbevölkerung tätig zu werden. Kleinvieh macht ja bekanntlich auch Mist.

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